14. Studienwoche Literatur- und Medienwissenschaft 2020

Ringvorlesung: Tabu/Bruch

Termine: Dienstag, 26. Mai bis Freitag, 29. Mai, jeweils von 11:15-12:45 Uhr

Raum: Gebäude 2, EG, Raum 1-3

Anschrift:
FernUniversität in Hagen
Universitätsstr. 33
58097 Hagen

Totem und Tabu. Zum Tabubegriff in der Psychoanalyse

Prof. Dr. Michael Niehaus

Dienstag, 26. Mai 2020, 11:15-12:45 Uhr

Das Wort Tabu ist zwar ein Import aus Polynesien, den wir den Reisen von James Cook im 18. Jahrhundert verdanken, gebräuchlich und gebraucht wurde das Wort allerdings erst nach 1900. Ein entscheidender Schritt in dieser Entwicklung ist Sigmund Freuds Schrift Totem und Tabu von 1913. Um nachvollziehen zu können, warum und in welchem Sinne dieses Wort gebraucht wurde, soll in der Vorlesung eine Relektüre von Freuds Gedankengang vorgenommen werden. Unter anderem wird daran erinnert, dass hier dem Inzesttabu eine entscheidende Rolle zukommt. Anschließend wird von hier aus beobachtet, welches Schicksal der Tabubegriff in der Psychoanalyse gehabt hat, um dann einige Überlegungen bezüglich seines gegenwärtigen Stellenwerts anstellen zu können.

Warum Moral schädlich, Literatur aber hilfreich sein kann: Die Ausweitung der Tabuzone und die neue Moralistik

Prof. Dr. Uwe Steiner

Mittwoch, 27. Mai 2020, 11:15-12:45 Uhr

Es gehört zum Selbstverständnis der Moderne, den Tabubruch als heroische Leistung zu feiern. Wo immer man in den Künsten, der Literatur, den Medien ein Tabu entdeckt zu haben glaubt, ist die Forderung nicht weit, dass es zu brechen, dass die illegitim errichtete Grenze zu überschreiten sei.

Mittlerweile verdichten sich die Anzeichen, das allgemeine Wohlgefallen an der „Transgression“ könne sich erschöpft haben. Es mehren sich die Signale, die uns eine Ausweitung der Tabuzone argwöhnen lassen. Weil Tabus sich förmlich dadurch definieren, dass schon von ihnen zu reden gegen sie verstößt, befindet es sich dort, wo man das Wort im Munde führt, ja in aller Regel gerade keines.

Wodurch aber charakterisiert sich überhaupt ein Tabu? Die Vorlesung vermutet eine enge Verbindung zwischen dem, was „Tabu“ heißen kann, und sog. moralischen Gefühlen. Was moralische Gefühle sind, und warum sie sich mitunter äußerst heikel darstellen, soll mit der Hilfe eines literarischen Genres erkundet werden, nämlich der Moralistik.

Moralistik bezeichnet eine Sicht- und Schreibweise, die, anders als es die Bezeichnung vermuten lassen könnte, gerade nicht moralisiert. Klassische Moralisten wie La Rochefoucauld, La Bruyère oder Nietzsche lehren keine moralischen oder ethischen Grundsätze! Sie pflegen vielmehr Formen einer dogmenfernen Menschenbeobachtung. Mit den Mitteln einer literarisch getränkten Empirie beschreiben sie Charaktere in ihren einschlägigen „moeurs“, Sitten, Rede- und Verhaltensweisen, Überzeugungen und Verblendungen. In kleinen Formen wie dem Aphorismus, dem Aperçu, dem Denkbild, der Miniatur oder der Kolumne versuchen sie, ins „Schwarze der menschlichen Seele“ zu treffen (Nietzsche). Das gilt womöglich auch für neuere Autoren, die man in der literarischen Tradition der Moralistik situieren und zu denen man u.a. Botho Strauß, Max Goldt oder Harald Martenstein zählen kann.

Zur Einführung:

  • Peter Werle: Moralistik, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, hg. von G. Braungart u.a., Bd. II, Berlin/New York 2007, S. 633-636.

Ferner:

  • Max Goldt: Die Chefin verzichtet auf demonstratives Frieren, Reinbek 2012.
  • Jonathan Haidt: The Righteous Mind. Why Good People are divided by Religion and Politics, New York 2012.

»S […] sagt man nicht!«: Tabu und Sublimierung in Literatur und Theorie

Prof. Dr. Peter Risthaus

Donnerstag, 28. Mai 2020, 11:15-12:45 Uhr

Was am ›stillen Ort‹ geschieht, zumal die verdauten Reste selbst, die dort hinterlassen werden, zu verschiedenen Zeiten und in bestimmten Kulturen tabu. Man fasst das nicht an, isst es nicht, beschmiert damit nicht die Wände, und am besten spricht man es nicht aus. Manche aber, lesen auch dort, am ›übrigen Ort‹. Dass es hier einiges andere zu erzählen gäbe, wissen alle, aber es ist tabu. Die Kunst liegt bekanntlich darin, es nicht einfach nicht, sondern das Tabuisierte anders zu sagen und damit, wie Sigmund Freud uns nahe gelegt hat, zu sublimieren. Das ist es, was Kulturwissenschaftler untersuchen, sie sublimieren das Sublimierte.Die Vorlesung verfolgt diese moderne Gegengeschichte unserer Kultur kursorisch an verschiedenen Beispielen. Wir begegnen dabei Hegel und der Psychoanalyse, verdauenden Maschinen, Hölderlin und den Latrinen und einem Nobelpreisträger, der seine ganz eigene Beziehung zur »Dunklen Materie« (Florian Werner) unterhält. Die Vorlesung ergänzt das Seminar von Frau Dr. Vanessa Höving zur »Analität der Literatur«.

Pornografie

Jun.-Prof. Dr. Irina Gradinari

Freitag, 29. Mai 2020, 11:15-12:45 Uhr

Trotz der sexuellen Revolution und der zunehmenden sexuellen Liberalisierung spätestens seit den 1960er Jahren, trotz der massenmedialen Verbreitung pornografischer Inhalte von erotischen Fotografien und Literatur über Softporno bis hin zur Hardcore Pornografie in der Populärkultur und im Internet, trotz der Verbreitung von ‚Amateuerpornografie‘ und der Ausdifferenzierung vieler verschiedener Gattungen und Strömungen, bis hin zu Altporn und feministischer Pornografie, trotz alledem bleibt die Pornografie ein gesellschaftliches Tabu. Die Tabuisierung könnte an der diskursiven Nähe zwischen der Pornografie und Gewalt abgelesen werden, die immer wieder neu hergestellt wird, aber auch an verschiedenen Studien, die etwa belegen, dass die meisten Frauen dann doch keine Pornografie konsumieren, wie aber auch an der wissenschaftlichen Verhöhnung. Darüber spricht zum Beispiel die Wissenschaftlerin Madita Oeming in Ihrem Interview für Spiegel Online, die wegen ihrer Seminare zu Porn Studies an verschiedenen Universitäten Deutschlands auf Twitter massiv angefeindet wurde. Es ist daher auch kaum verwunderlich, dass an keiner der deutschen Universitäten so einen Studiengang angeboten wird, höchstens im Rahmen vereinzelter Seminare. Die Pornografie als wissenschaftlicher Gegenstand scheint, ähnlich wie einige Gewaltthemen, die sonst unsichtbare und neutrale Position der Forschenden unwiderruflich aufzulösen, ja ihnen* Körperlichkeit zu verleihen – forscht jemand etwa aus eigenen sexuellen Interessen heraus dazu? So gibt es bis heute – verglichen mit der exponentiell ansteigenden Pornografie-Produktion – relativ wenig Forschung zur Pornografie, wenn sich auch in letzten zwei Jahrzenten die Situation etwas geändert hat. Besonders zur Internetpornografie erscheinen immer mehr Studien.

Wir befinden uns also in einer gesellschaftlichen paradoxen Situation: Die Verbreitung der Pornografie aller Art im Internet, die nicht unbedingt als Reaktion auf eine Nachfrage entstanden ist, sondern erst eine solche Nachfrage oder solche Bedarfe durch die Massenproduktion und -verbreitung erschaffen hat, zeugt von deren nicht mehr abstreitbare massenhafte Konsumtion. Es geht also keinesfalls um ein (industrielles und mediales) Randphänomen! Zugleich fehlen jedoch dafür Begrifflichkeiten und Sprechmodi, auch in der Wissenschaft selbst, wie darüber (außer in der Form der Pathologisierung oder Moralisierung) diskutiert und verhandelt werden könnte. Oder in Worten von Madita Oeming: „Spätestens seitdem das Internet Pornos für jeden, jederzeit und größtenteils umsonst verfügbar gemacht hat, wird kaum ein Medium in derartiger Masse konsumiert. Gleichzeitig verfügen wir nur über ein sehr begrenztes Verständnis von Pornografie und der Industrie, die dahintersteht. Das halte ich für gefährlich. Pornos dürfen kein Tabuthema sein.“[1]

In diesem Zusammenhang möchte ich in meinem Vortrag einen Überblick über aktuelle Entwicklungen in der Pornografiebranche geben. Vor allem scheint ein konstitutiver Bezug zwischen Entwicklungen der Medientechnologie und der Pornografie der Gegenwart zu bestehen. Weiterhin gebe ich einen Einblick in einige theoretische Ansätze dazu, bei denen auch das Tabu eine mehr oder weniger große Rolle spielt. Letztendlich möchte ich auch Studierende mit der Pornografie konfrontieren, also durchaus Tabu wie Tabubruch performativ erfahrbar machen (Achtung bitte: In der Vorlesung werden Bilder und Filme mit pornografischen Inhalten gezeigt).


[1] Interview von Lisa Duhm mit Madita Oeming: „Die Leute denken, es sei eben einfach nur Sex und die Kamera hält drauf“, in: Spiegel online vom 04.09.2019 https://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/pornografie-an-der-uni-ein-porno-ist-kein-kafka-roman-a-1284958.html (9.12.2019).



Webredaktion | 13.01.2020