Tagung Genre und Race: Mediale Interdependenzen von Ästhetik und Politik

21.-24. November 2018 an der FernUniversität in Hagen


Tagungsbericht „Genre und Race: Mediale Interdependenzen von Ästhetik und Politik“

Die Idee dieser Tagung basiert auf einer Reihe aktueller kritischer gesellschaftlicher Debatten, die sich als politisch und ästhetisch notwendig erwiesen haben und die die Kategorien Race, Ethnizität und Migration in den Fokus rücken. Das bittere Erbe der Sklaverei, des Kolonialismus und der Rassen-Segregation hat sich als Problem in unsere medialen und sonstigen Wahrnehmungsregime eingeschrieben. So erscheint Race als eine zentrale Diskursfigur der Gegenwart, an der ästhetische, politische, nationale und internationale Interessen zusammenlaufen und dabei unlösbar konfligieren. Weiterhin produzieren und reproduzieren sie Diskriminierungen. Die von W.E.B. Du Bois bereits um 1900 angeprangerte „color-line“ (Du Bois 2008, S. 44) besteht nicht nur weiter – wenn auch in veränderter Form –, vielmehr erlebt nun die Rassenlogik, wie es Achille Mbembe eindrucksvoll gezeigt hat, unter dem Vorzeichen der allumfassenden, digitalisierten Sicherheitskontrolle und „im genomorientierten Denken“ ein Comeback.

Eine weitere Inspiration stellte für die Tagung ein inzwischen sehr beliebter Forschungsbereich der Filmwissenschaften dar, der sich den konstitutiven Wechselbezügen zwischen Genre und Gender widmet. Hier sind inzwischen eine Reihe interessanter Theorien entstanden, wobei die Kategorie Race bis heute unberücksichtigt blieb. Genres verschiedener medialer Formate organisieren jedoch unsere Wissensstrukturen: Wir schauen und nehmen durch die Genres hindurch, die allerdings nicht ideologiefrei sind. Außerdem tragen sie ihre ästhetischen Logiken in unseren Denksystemen ein. Eventuell auch deswegen werden viele rassistischen Bilder und Muster trotz aller Kritik und Bürger*innen-Proteste weiter tradiert.

Vor diesem Hintergrund war vor allem eine interdisziplinäre Perspektivierung medialer, ästhetischer und politischer Prozesse umso wichtiger, um unter Einbeziehung unterschiedlicher Wissensdiskurse unseren kritischen Blick zu schärfen. Die Keynote-Speakerin aus Hamburg, Michaela Ott, setzte sich damit, wie Thomas Bedorf aus unserer Universität, aus der philosophischen Perspektive auseinander. Ihre kritischen Fragen führte der Mitorganisator der Tagung Ivo Ritzer (Bayreuth) mit dem medienphilosophischen Blick fort. Die literaturwissenschaftliche Perspektive öffneten Kyung-Ho Cha (Bayreuth) und Irmtraud Hnilica (Trier) in Bezug auf die Gegenwartsliteratur und das Abolitionsdrama um 1800. Maren Butte (Düsseldorf) analysierte hingegen das aktuelle Tanztheater. Das Hip-Hop-Genre stand im Zentrum bei Michaela Wünsch, Karina Kirsten untersuchte die Serien-Logik am Beispiel von Bates Motel (2013-2017). Außerdem wurden verschiedene europäische und Hollywood-Filmgenres kritisch besprochen, etwa ethnografischer Film durch Julia Bee (Weimer), Historiendrama und Blaxploitation durch Drehli Robnik (Wien), Abenteuerfilm durch Julia Dittmann (Berlin), Politthriller durch Johannes Pause (Luxemburg), Kriminalgenre durch Irina Gradinari (Hagen) und südamerikanisches Samba-Genre durch Peter Schulze (Köln).

In einem interdisziplinären produktiven Austausch rückten „Genre-Probleme“ in ihren ökonomischen, historischen und produktionsspezifischen Kontexten ins Licht, die notwendig ist, kritisch zu untersuchen. Hervorgehoben wurden aber auch „Leistung“ generischer Praxis, mit Hilfe derer wir politische Veränderungen dokumentieren und reflektieren, über die politische Repräsentation der Anderen nachdenken, Diskussion zur universalen und partikularen Perspektiven fortführen und mit Ambivalenzen von Affirmation und Subversion umgehen können. Insgesamt leistete die Tagung einen wichtigen analytisch-theoretischen Beitrag zu politisch brisanten antirassistischen und Critical-Whitness-Debatten der Gegenwart.

Webredaktion | 27.05.2020