Forschungsprojekte

laufend

  • 100 Quellen - 100 Orte. Koloniale Spuren in Westfalen-Lippe

    Der Kolonialismus und seine Auswirkungen sind bis heute nicht nur in Metropolen wie Hamburg oder Berlin sichtbar. Seine Spuren finden sich überall im Land, bis in die kleinsten Gemeinden hinein. Um das für die Bildungs- und Kulturarbeit an konkreten Beispielen erkennen und diskutieren zu können, wird gerade eine Sammlung von 100 historischen Schriftquellen, Bildern und Objekten erstellt. Sie stammen aus allen Gegenden in Westfalen und Lippe und behandeln Themen wie Mission, Welthandel, Migration und koloniale Gewalt. Die 100 Quellen werden erläutert und stehen dann als Arbeitsmaterial gratis im Internet zur Verfügung, voraussichtlich ab Jahresende 2024. Diese Sammlung soll zur Aufarbeitung des lokalen Kolonialismus anregen. Die bereits fertiggestellten Quellenkommentare sind als PDF über folgende Seite erreichbar: http://koloniale-spuren.fernuni-hagen.de.

    Nach und nach werden die weiteren Quellenkommentare hinzugefügt. Bei Fragen und Anregungen können Sie sich gerne jederzeit an uns wenden!

    Das Projekt wird im Rahmen des Themenjahres „POWR! Postkoloniales Westfalen-Lippe“ von der LWL-Kulturstiftung gefördert. (Antragstellung und Leitung: Dr. Fabian Fechner, Dr. Dennis Schmidt; Koordinatorin: Barbara Schneider M.A.; Assistenz: Miriam Bouraguba B.A.; unterstützt durch das Projekt „bne:digital.nrw“)

    Logo POWR! Postkoloniales Westfalen-Lippe
    Logo LWL-Kulturstiftung

    Kontakt:

    Barbara Schneider M.A. barbara.schneider@fernuni-hagen.de
    Dr. Fabian Fechner fabian.fechner@fernuni-hagen.de

  • Von Pyritz nach Vava'u und darüber hinaus.
    Geschichten von Migration und Zerstreuung, Neubeginn und Traditionswahrung, Zugehörigkeit und Distanz, Zusammenhalt und Erinnerung

    Von Pyritz nach Vava'u und darüber hinaus.
    Geschichten von Migration und Zerstreuung, Neubeginn und Traditionswahrung, Zugehörigkeit und Distanz, Zusammenhalt und Erinnerung

    Im Kern des Projektes steht die Geschichte von 25 Auswanderern aus Pommern nach Polynesien und die ihrer Nachfahren bis heute, die mittlerweile viele Tausend Köpfe zählen. Sie wird in mehreren Stadien erzählt. Zunächst geht es um die Menschen, zu einem guten Teil Mitglieder miteinander verwandter und verschwägerter Familien, die mehrheitlich aus dem kleinen pommerschen Städtchen Pyritz stammten. Nach und nach machten sie sich in Form einer Kettenwanderung zwischen etwa 1850 und dem Ersten Weltkrieg auf den Weg nach Ozeanien, genauer gesagt auf die Vava'u-Inseln im Norden des Tonga-Archipels. Das Leben in der Südsee zwischen deutschen Traditionen und den Gegebenheiten der polynesischen Residenz-gesellschaft sind das zweite Stadium dieser Migrationsgeschichte. Die Zuwanderer aus Pommern wurden auf Tonga heimisch, integrierten sich und blieben aber trotzdem in mancherlei Hinsicht Fremde. Zahlreiche Enkel und Urenkel leben bis heute in der Inselgruppe. Andere wanderten im Laufe des 20. Jahrhunderts weiter und ließen sich in anderen Regionen im und um den Pazifik nieder. Man findet sie heute in Auckland wie in Anchorage, in Sydney wie in San Francisco, in Australien, Neuseeland, Hawai‘i und den westlichen Staaten des US-amerikanischen Festlands. Diese Zerstreuung ist drittes Stadium der Wanderungshistorie, in dem die Entstehung diasporischer Lebenswelten zu den Kernelementen zählt. Durchgängig ist diese Migrationsgeschichte eine Geschichte, in der es immer wieder um Ankommen und Weiterziehen geht, um Gewöhnung an neue Verhältnisse und Erinnerungen an alte, um Nähe und Distanz, um Selbst- und Fremdwahrnehmung, um Kulturwahrung und -wandel und um Gedächtnis und Zusammenhalt über Zeiten und Räume hinweg. Quellen zum Thema wurden in Archiven, Bibliotheken und Museen in Deutschland, Polen, der Schweiz, den USA, Australien und Neuseeland erschlossen. Dabei handelt es sich um Kirchenbücher, Zivilstandsregister, Auswanderungs-, Personal- oder auch Prozessakten, um Berichte von Missionaren, Kaufleuten, Diplomaten oder Journalisten. Daneben wurden über die Jahre Kontakte zu Nachfahren aufgebaut, die Fotos, Briefe oder Genealogien für das Projekt zur Verfügung stellten und in persönlichen Interviews oder Gesprächs-runden in größerem Kreis Auskunft gaben über ihre Familiengeschichte. Rund 120 Tondokumente, die teilweise nur einige Minuten, manchmal aber auch mehrere Stunden lang sind, enthalten wertvolle Erkenntnisse zu persönlichen Lebensum-ständen, Erfahrungen und Erinnerungen an die Generationen vor ihnen. Die Informationen aus Literatur und archivalischen wie mündlichen Quellen flossen in eine genealogische Datenbank, die die 25 Auswanderer, ihre Eltern, Großeltern, Geschwister und vor allem ihre Nachfahren umfasst und im Januar 2026 über 7.000 Namen zählte.

  • Was Friedhöfe und ihre Grabsteine erzählen. Leben, Sterben und Erinnern in der deutschen Auslandsgemeinde in Bangkok.

    Friedhöfe und ihre Grabsteine erzählen Geschichten vom Leben und Sterben der Menschen, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben. Sie berichten von Geburtsort, Beruf, Alter, Lebensumständen und Familienverhältnissen der Verstorbenen. Damit sind sie ein Kristallisationspunkt historisch relevanter Informationen, ein "Überrest" geschichtlicher Ereignisse. Sie bergen in sich jedoch darüber hinaus auch das Potential eines Erinnerungsortes, der für eine Gemeinschaft von Menschen ein Maß an Bedeutung und identitätsstiftender Symbolik besitzt, der seine Gegenständlichkeit weit übersteigt.

    Im Mittelpunkt des Projektes steht der protestantische Friedhof in Bangkok. Wir verstehen ihn konzeptionell als einen – materiellen, aber auch immateriellen - "Lieu de mémoire" im Sinne des Ansatzes von Pierre Nora und der Arbeiten zu Deutschland und Europa, die sich von ihm inspirieren ließen. Anders als es vor allem bei Nora, aber weitgehend auch in den übrigen Sammelwerken der Fall ist, hat unser Vorhaben keinen nationalen Bezugsrahmen. Uns geht es um eine quer zu Grenzen lebende transnationale und -kulturelle Gemeinschaft. Wir nähern ihr uns mit Hilfe von Friedhof und Grabsteinen in mehreren Schritten und mit verschiedenen Perspektiven. Wir legen einen Weg zurück, der vom Materiell-Gegenständlichen zum Immateriell-Symbolischen, von der Realität zur Identitätsstiftung und vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis führt.

    Manche Grabsteine lassen erkennen, dass die Toten integriert waren in ihre Residenzgesellschaft. Prächtige Grabsteine erlauben Rückschlüsse auf Wohlstand und sozialen Status. Die Namen thailändischer oder chinesischer Frauen oder auch Gräber aus einer Familie über mehrere Generationen künden von lokaler Verwurzelung. Bei einigen der Verstorbenen lag schon ihr Geburtsort nicht in Deutschland, sondern in Südostasien. Andere starben nicht in Bangkok, sondern in einem Nachbarstaat Thailands und sind doch in dessen Hauptstadt beerdigt. Dies führt uns in einem ersten Schritt zu der Annahme, die es in dem Projekt zu untermauern gilt, dass der protestantische Friedhof in Bangkok mehr ist als ein Kristallisationspunkt individueller historischer Lebensdaten. In ihm konkretisiert sich die Geschichte einer Gemeinschaft, und zwar vermutlich sogar einer diasporischen Gemeinschaft. Es spricht einiges dafür, dass Bangkok Eckpunkt einer Handels- und/oder Arbeitsdiaspora und der protestantische Friedhof ein Ort war, in dem sich diese Situation abbildete. Die Grabsteine, so unsere Annahme, zeigen, inwieweit die Bangkok-Deutschen in transkulturelle Netzwerke eingebunden waren und welche Gestalt diese Netzwerke hatten.

    Ausgewählte Informationen zu einzelnen Gräbern und den Menschen, die dort begraben sind, finden sich in Form von kleinen Textbausteinen auf der Facebook-Seite "German Community in Bangkok and their Graves", die von Dr. Suphot Manalapanacharoen und Professor Dr. Reinhard Wendt laufend ergänzt wird. Die Seite eröffnet auch die Möglichkeit, sich mit uns durch Ergänzungen und Kommentare auszutauschen.

abgeschlossen

10.05.2024