Informationsmaße und Informationsführerschaft bei Volatilitäsfindungsprozessen

Allein in Deutschland werden täglich für über 1 Million so genannter strukturierter Finanzprodukte oder Zertifikate auf einer hochfrequenten Basis Preise gestellt. Beinhalten diese Preise möglicherweise bereits neue Informationen über den Preisprozess des Basiswertes? Oder bilden die Preise der Retail-Derivate lediglich die Preisentwicklung des Basiswertes mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung nach?

Die Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen steht im Zentrum des Forschungsprojekts. Dabei wird auf ökonometrische Verfahren, insbesondere multivariate stochastische Prozesse und Marktmikrostrukturmodelle, wie auf das Konzept des Information-Share als Preisfindungsmaß zurückgegriffen.

Gegenstand des Forschungsprojekts ist u. A. die Frage, wie Erwartungen von Marktteilnehmern über zukünftige Schwankungen, also Volatilitäten, von grundlegenden Finanztiteln wie Aktien am Markt verarbeitet werden und sich in Preisen von derivativen Finanzprodukten wie Optionen widerspiegeln. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen ein besseres Verständnis für die Erwartungsbildung von Marktteilnehmern bezüglich zukünftiger Risiken ermöglichen.

Preisfindungsmaße als Marktmikrostrukturmodelle spielen in der Mikroökonomie eine tragende Rolle: Bereits in den 1980er Jahren wurde die Basis für Selektion von Informationsanteilen basierend auf Preisprozessen gelegt. Diese Preisfindungsmaße sind in den letzten Jahrzehnten ausführlich analysiert, weiterentwickelt und in der Empirie verwendet worden. Mithilfe dieser Marktmikrostrukturmodelle lassen sich Leitstrukturen innerhalb der Märkte untersuchen.

Ein Ziel unseres Projekts besteht darin, sich von dem Preis als Basiskomponente zu lösen und einen Volatilitätsfindungsprozess zu modellieren. Damit ließe sich dann herauszufinden welche Märkte oder Marktsegmente für die Entwicklung der Volatilität eine wichtige Rolle spielen und welche Marktsegmente eher eine untergeordnete Rolle am Volatilitätsfindungsprozess annehmen.

Die Relevanz des Projekts ergibt sich zum einen aus zu gewinnenden Erkenntnissen über die Bedeutung einzelner Märkte bzw. Marktsegmente und möglichen Konsequenzen für die Wahl der Handelsplattform seitens der Investoren. Zum anderen ließen sich aus den Erkenntnissen über „Meinungsführerschaften“ hinsichtlich zukünftiger Volatilitäten etwaige Gefährdungspotenziale für die Stabilität der Märkte in Krisenzeiten ableiten, da eine Abhängigkeit des Marktes von wenigen großen Institutionen zu einer Instabilität beitragen würde.


Dissertationsprojekt von Dr. Milena E. Tieves.


Publikationen und Präsentationen

  • M. Tieves
    Informationsmaße und Informationsführerschaft bei Volatilitätsfindungsprozessen.
    Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2018.
  • R. Baule, B. Frijns, M. Tieves: Volatility Discovery and Volatility Quoting on Markets for Options and Warrants.
    Journal of Futures Markets 38 (7/2018), 758–774.
    • Präsentation auf der 2017 Derivatives Markets Conference, Auckland, 11.08.2017.
  • R. Baule, B. Frijns, M. Tieves: Information Shares in Stationary Time Series and Global Volatility Discovery.
    Working Paper, Hagen/Auckland 2017.
    • Präsentation auf der 34th International Conference of the French Finance Association, Valence, 31.05.2017.
    • Präsentation auf dem 6th Auckland Finance Meeting, Auckland, 17.12.2016.
    • Präsentation auf dem Workshop der Financial Management and Financial Institutions Working Group der Gesellschaft für Operations Research (GOR AG FIFI), Augsburg, 04.04.2016.
    • Präsentation auf dem Internationalen Doktorandenseminar (IDS), Gießen, 17.07.2015.
  • R. Baule, M. Tieves, H. Wilke: Preisfindung und Informationsführerschaft auf Aktienmärkten.
    Wirtschaftswissenschftliches Studium 46 (9/2017), 18–25.
 
 
 
 
07.08.2019