„How the other Half lives/looks“: Zur dokumentarischen Ästhetik von Klassen-Bildern

12. März 2020

Zeitraum
12.03.2020
17:00 Uhr

Ort
FernUniversität, Gebäude 2 (Seminargebäude), Universitätsstr. 33, 58097 Hagen, Raum 1 bis 3

Veranstalter/-in
Interdisziplinäre Forschungsgruppe Gender Politics

Referent/-in
Prof. Dr. Andrea Seier
Universität Wien, Institut für Theater-Film- und Medienwissenschaft

Der Vortrag „How the other Half lives/looks“: Zur dokumentarischen Ästhetik von Klassen-Bildern wird von der interdisziplinären Forschungsgruppe Gender Politics, präsentiert, die im Januar an der FernUniversität gestartet ist.

Abstract:

„Im Zentrum des Vortrags steht der österreichische Dokumentarfilm „Brüder der Nacht“ (Regie: Patric Chiha) aus dem Jahr 2016. Der Film thematisiert den Alltag junger bulgarischer Roma, die in Wien als Stricher arbeiten. Die ästhetischen Strategien, die im Film zum Einsatz kommen, orientieren sich weniger an sozialem Realismus als an Theatralität, Künstlichkeit und Formen des Re-Enactments, die auf eine (queere) Filmgeschichte (Anger, Fassbinder, Pasolini) verweisen. Die Licht- und Farbgestaltung des Films oszilliert zwischen Rotlicht und Filmlicht und verweist auf eine ebenso politisch wie ästhetisch motivierte Auseinandersetzung mit den besonderen Bedingungen des sozialdokumentarischen Blicks zwischen Sichtbarmachung und Ausstellung alltäglicher Routinen, zwischen Viktimisierung und Ermächtigung von Protagonist*innen, zwischen An- und Draufsicht. Mein Vortrag diskutiert die gewählten ästhetischen Strategien in „Brüder der Nacht“ als eine Auseinandersetzung mit der Performativität des dokumentarischen Blicks, die sich von der Geschichte der sozialdokumentarischen Fotografie über das Reality-Fernsehen bis in die Gegenwart bilddokumentarischer Formen nachvollziehen lässt. Mein besonderes Interesse richtet sich dabei auf die Frage, wie in exemplarisch ausgewählten Beispielen mit der Fiktionalität des Alltäglichen umgegangen wird. Damit sind zum einen die Fantasien des guten Lebens gemeint, die Lauren Berlant als „Cruel Optimism“ (2006) bezeichnet und die nicht zwangsläufig mit der Abwesenheit von Alltag zusammenfallen (müssen). Zum anderen lenkt die Fiktionalität des Alltäglichen den Blick aber auch auf eine grundlegende Performativität alltäglichen Handelns, die ein immer wieder neu zu bestimmendes Verhältnis mit den Genrekonventionen bilddokumentarischer Formen unterhält.“


Gerd Dapprich | 31.01.2020