„Geschönte“ Rückblicke auf erfolgreiche Leben sind wichtige Quellen für die Forschung

Mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft entstand eine besondere Form der Autobiographie. Für die FernUni-Historikerin PD Eva Ochs sind sie wissenschaftliche Fundgruben.


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Erstes Buch der Autobiographie Otto von Bismarcks aus dem Jahr 1905

Auf den ersten Blick vermitteln sie oft nur einen „schönen Schein“ dessen, was sich im Leben von Erfolgreichen oder Prominenten zugetragen hat: Autobiographien. Dennoch sind sie für die Hagener Historikerin PD Dr. Eva Ochs oft wertvolle Sachbücher mit geschichtlichem Bezug. Als Forschungsquellen werden sie wieder wichtiger, obwohl sie nicht immer eine unverwechselbare Persönlichkeit und deren Leben so vorstellen, wie es wirklich war und damit einen unmittelbaren Zugang zu vergangenen Ereignissen ermöglichen. „Allerdings begegnen wir Historikerinnen und Historiker ihnen mit der notwendigen professionellen Distanz“, erläutert Eva Ochs. Sie ist Privatdozentin am Historischen Institut der FernUniversität in Hagen.

Deutlich wird, dass im ausgehenden 18., beginnenden 19. Jahrhundert mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft eine sogenannte „Normautobiographie“ entstand, die Elemente und Erzählstile enthält, die bis zum heutigen Tag mit Autobiographien verbunden wird. Und das, obwohl die einzelnen Elemente dieser Autobiografieform schon lange infrage gestellt, durch andere Stile ersetzt wurden oder als schichtspezifische und geschlechtsspezifische Erzählform entlarvt wurde etc.

Spuren einer vergangenen Wirklichkeit

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PD Eva Ochs

Eva Ochs sieht in Autobiographien lebensgeschichtliche Erzählungen, in denen rückblickend Vergangenes so zurechtgerückt wird, dass es in den Sinn des dargestellten Lebens passt und diesen verstärkt: „Allerdings werden bei dem Versuch, den Wirrwarr eines gelebten Lebens zu einem in sich stimmigen Bild zu ordnen, oft Glättungen und Umdeutungen vorgenommen, Unangenehmes wird weggelassen, Bedeutendes hervorgehoben – meistens instinktiv, manches vielleicht aber auch bewusst“, erläutert die Wissenschaftlerin: „Das Gedächtnis ist eben kein Speicher, Erinnerung formt sich immer wieder neu, auch und gerade während des Schreibens.“

Das Gedächtnis ist eben kein Speicher, Erinnerung formt sich immer wieder neu, auch und gerade während des Schreibens

PD Eva Ochs

Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollte dies kein Problem darstellen, weil es zu ihrer täglichen Arbeit gehört, den Wahrheitsgehalt von Quellen zu prüfen: „Quellen sind immer nur Spuren einer vergangenen Wirklichkeit, die wir nach wissenschaftlichen Kriterien zu lesen und zu deuten versuchen“, erläutert Ochs. Dafür hat sich die Geschichte auch methodisch-theoretischer Überlegungen bedient, die aus anderen Fächern, etwa der Soziologie und der Literaturwissenschaft, stammen.

Bürgertum, Individualisierung, Autobiographie

Die Autobiographie kam in ihrer heute bekannten Form um die Wende des 18. zum 19. Jahrhunderts auf, als parallel zum Aufschwung des Bürgertums und der Industrialisierung auch die Individualisierung einen Schub erhielt. Das Bürgertum definierte sich durch beruflichen Erfolg, Besitz und Bildung und entwickelte ein besonderes, fast sakrales Berufs- und Leistungsethos.

Beim „Durchbruch der Moderne“ schrieben entsprechend ihrer Teilhabe am öffentlichen Leben zunächst fast ausschließlich bürgerliche Männer ihre Lebenserinnerungen nieder. Frauen, Handwerker und Arbeiter dagegen entdeckten die Autobiographie erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts für sich.

Die Autobiographien vermitteln also typischerweise in einer linearen lebensgeschichtlichen Erzählung in Ich-Form das Bild einer männlichen Persönlichkeit, die im Ruhestand im Lesersessel zufrieden auf die eigenen Leistungen zurückblickt und ihre Erfolge der Nachwelt mitteilt. Beginnend im Elternhaus schildert der Autobiograph zeitlich fortschreitend bis in seine Gegenwart sein Leben und wichtige Eckpunkte, vor allem berufliche. Wichtig ist ihm dabei nicht zuletzt, wie er – auch in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt – seine Persönlichkeit selbst formte.

Eigenes Leben selbstverantwortlich gestalten

Der Wunsch, sich auch nach außen als erfolgreich darzustellen, führte nicht nur zu einer steigenden Zahl von Autobiographien, sondern auch zu veränderten Darstellungsformen: Im Fokus stand nicht mehr ein traditionelles, religiös bestimmtes Sinnuniversum oder ein konventioneller „Stand“ (Adel, Klerus, Bauern), sondern das einzigartige Individuum. Charakteristisch für bürgerlich-männliche Autobiographien war daher, dass es hier um eine einzige Person ging, die ihr Leben in eigener Verantwortung gestaltete.

In ihrer Antrittsvorlesung

als Privatdozentin nahm Dr. Eva Ochs unter dem Titel „Berufung, Prägung, Bewährung: Karrierenarrative in autobiographischen Erzählungen“ die Autobiographie als solche unter die geschichtswissenschaftliche Lupe und untersuchte, wer was wie und für wen schreibt. Dafür griff sie auf Fallbeispiele und Quellen ihrer Habilitationsschrift „Beruf als Berufung? Die Work-Life-Balance bürgerlicher Männer im 19. Jahrhundert“ zurück.

Für bürgerliche Männer spielte die Entfaltung ihrer Persönlichkeit im Hinblick auf ihre beruflichen Erfolge eine entscheidende Rolle. Das Erreichen von Lebenszielen war Ausdruck der persönlichen Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft. Eva Ochs: „Die männliche Lebensgeschichte wurde im 19. Jahrhundert zunehmend als grundsätzlich machbar und gestaltbar verstanden.“

Erfolg durch Fleiß und Willen

Häufig betonten die sich selbst Darstellenden, dass sie ja „von ganz unten“ gekommen wären. Nur dank ihres Fleißes und ihrer eisernen Willenskraft hätten sie es „nach oben schaffen“ und ihre frühzeitig gesetzten Ziele erreichen können (das behaupteten allerdings oft auch Autoren, die nicht aus einfachen Verhältnissen stammten).

Gerne wurden in sinnstiftenden, legitimierenden autobiographischen Erzählungen Episoden und Eindrücke geschildert, die die Person in Kindheit und Jugend geformt hatten, ihre Vorlieben und Literatur sowie Geschehnisse, die sie dabei beeindruckten. Durch eine „Erzähllinie“, die sich an der Entwicklung einer Persönlichkeit orientierte, wurden Eigenschaften deutlich gemacht, die für den späteren Beruf wichtig waren – in fachlicher wie in persönlicher Hinsicht, etwa als Führungspersönlichkeit.

Misserfolge wurden weder von den Autobiographen noch von der Familie öffentlich gemacht. Eva Ochs: „Bei bürgerlichen Lebensläufen war ein Scheitern nicht vorgesehen.“ Nur wenige Autobiographen sahen ihren Berufs- und Lebensweg selbstkritisch oder dass sie viel Glück gehabt hatten.

Familie im Rückblick immer unwichtiger

Zahlreiche Beispiele belegen auch vom Textanteil her, dass mit zunehmendem Alter und beruflichem Erfolg des Autobiographen die Familie immer mehr in den Hintergrund trat. Ehe und Vaterschaft wurden als notwendige Rahmenbedingungen erwähnt, die Arbeit und Beruf zusätzlichen Sinn verliehen. Deren steigende Bedeutung spiegelte sich bis weit ins 20. Jahrhundert wider, der Beruf bildete weiterhin den „roten Faden“ der Abfolge der Schilderungen.

In Lebensgeschichten von Frauen spielte dagegen das Private oft eine weitaus bedeutendere Rolle. In ihnen ging es auch öfter um das „Wir“ als um das „Ich“, Familie und verwandtschaftliche Beziehungen erhalten mehr Raum. Vor 1950 geborene Frauen schildern häufig ihr Leben als Schicksal, das bewältigt werden muss.

Auch je nach Schulbildung finden sich Unterschiede: (Männliche) Abiturienten gingen mit Niederschriften ihres Lebens viel selbstbewusster um als ihre Geschlechtsgenossen mit Volksschulabschluss, zeigte eine Untersuchung.

Immer mehr Jüngere ziehen Lebensbilanz

Um das Jahr 1900 herum gab es Veränderungen bei der Form, in der bürgerliche Männer ihr Leben präsentierten. So wurde die zeitliche Abfolge aufgelöst, in kleinere Sinneinheiten transformiert und mit Anekdoten und Bildern angereichert. Ochs: „Auch heute wird mit der Form gespielt und der ‚autobiografische Pakt‘ aufgelöst. Autofiktion ersetzt die Autobiografie, die Wahrhaftigkeit der Darstellung verliert an Bedeutung.“ Zudem werden die Verfasser und Verfasserinnen von Autobiographien immer jünger, viele legen ihre Lebensbilanz schon mit Ende 20 vor.

Dennoch bleibt die bürgerlich-männliche moderne Form der Lebensgeschichte weiterhin die Norm, während abweichende und andersartige Darstellungen genau geprüft werden müssen.

Gerd Dapprich | 06.07.2021