Seuchen verstärkten langfristige Entwicklungen

Für die Historikerin PD Dr. Eva-Maria Butz (FernUniversität) wirkten Seuchen in der Geschichte eher schleichend. Manches, was heute gegen sie getan wird, ist gar nicht so neu.


Bild: Domenico Gargiulo (Gemälde, gemeinfrei / WikiCommons)
Die Piazza Mercatello in Neapel während der Pest von 1656

Pest, Cholera und Typhus suchen die Menschen heim, seit sie sesshaft wurden und eng mit ihren Tieren zusammenleben. Bereits Steinzeit-Menschen starben an der Pest, der letzte große Ausbruch war Anfang des 18. Jahrhunderts in Marseille. Für PD Dr. Eva-Maria Butz, Lehrgebiet Geschichte und Gegenwart Alteuropas an der FernUniversität in Hagen, wirkten Seuchen in der Geschichte eher schleichend und bereits bestehende Entwicklungen verstärkend denn als Revolutionen. Sie konnten sogar positive Folgen haben.

Foto: Volker Wiciok
Eva-Maria Butz

Die erste dokumentierte Seuche wütete während des Peloponnesischen Krieges (431 bis 404 v. Chr.) zwischen Athen und dem Attischen Seebund auf der einen Seite und Sparta und dem Peloponnesischen Bund auf der anderen. Sie tötete 30 bis 40 Prozent der 300.000 Einwohnerinnen und Einwohner Athens. „Man ist sich inzwischen sicher, dass es nicht die Pest war, sondern ein Fieber – aber mit vergleichbarer Ansteckungsgefahr und Sterblichkeitsrate“, so Dr. Eva-Maria Butz, Privatdozentin am Lehrgebiet Geschichte und Gegenwart Alteuropas an der FernUniversität in Hagen. Die Reaktion der Menschen war ähnlich wie später bei Pestepidemien. „Sie fragten sich natürlich, woher die Krankheit kommt und ob die Spartaner die Brunnen vergiftet hätten.“

Seuche beschleunigt attischen Niedergang

Dem führenden athenischen Politiker Perikles wurden schwere Versäumnisse vorgeworfen, unter anderem im Zusammenhang mit der Krankheit. Nachdem er seines Amtes als Stratege enthoben worden war, erlebten die demokratische Staatsform und die attische Kunst und Kultur ihren Niedergang. Gesetze und religiöse Rituale wurden missachtet, der Seebund aufgelöst. Nach Perikles‘ Tod 429 v.Chr. kam es zu einem Aufstand und einem Umsturz, Oligarchen übernahmen die Herrschaft. „Dies war aber ein längerer Prozess, der jedoch offensichtlich durch die Seuche befördert wurde“, so die Historikerin. „Es muss schon vor dem Tod von Perikles Gruppierungen gegeben haben, die eine Veränderung des gesellschaftlichen Systems anstrebten. Grundsätzlich kann gesagt werden, dass eine Seuche bestimmte Prozesse verstärken kann, wenn eine Gesellschaft schon in der Krise ist.“

In gewisser Weise – aber bei weitem nicht so, wie angesichts der Coronakrise heute oft vermutet wird – verstärkte auch 1918 die Spanische Grippe längerfristige Entwicklungen: „In Deutschland hatte sie, anders als oft kolportiert, nur sehr geringen Einfluss auf den negativen Verlauf des Ersten Weltkriegs, die November-Revolution und das Ende des Kaiserreichs“, so Butz. Die Deutschen betrachteten sie damals vielmehr als Teil der allgemeinen Verschlechterung der Volksgesundheit, die aber schon ab 1916 wahrgenommen wurde. Für die Hagener Historikerin war die Seuche nur ein Teil des Weltkriegsleids, das die Kriegsmüdigkeit und die Kritik am Versagen der politischen Führung verstärkte, die gegen die Krankheit nichts unternahm.

Morden aus Habgier und religiösem Wahn

Am tiefsten ins kollektive Bewusstsein der europäischen Bevölkerung eingegraben hat sich wohl der „Schwarze Tod“ (1346 bis 1353), die Beulenpest. Geschätzt 25 Millionen Menschen starben daran. Wirksame Medikamente hatten die vermummten Pestärzte nicht, auch kein Wissen um die Übertragung. Viele Infizierte starben in der Familie – und steckten diese an. Andere warteten von allen verlassen auf den Tod. Die letzte Ölung gaben Priester manchmal auf Distanz mit langen Stangen.

Bild: I.Columbina / Paul Fürst (Kupferstich, gemeinfrei / WikiCommons)
Schnabeldoktor: In der Schnabelmaske befanden sich Kräuter, Duftschwämme etc., deren Wirkstoiffe die Ärzte vor dem Pesthauch der Kranken schützen sollten. Dieses Masken waren aber wohl nur in Italien und Frankreich in der Mitte des 17. bzw. anfangs des 18. Jahrhunderts gebräuchlich. Weitere Schutzmaßnahmen waren ein Mantel aus gewachsten Stoff oder Leder, Handschuhe und ein Stab, um die Kranken auf Entfernung zu halten.

Im Zusammenhang mit dem Schwarzen Tod kam es „relativ verbreitet“ zu Judenverfolgungen, in Kastilien, Frankreich, den Niederlanden, in Deutschland, so Eva-Maria Butz. Doch gab es auch vorher schon verschiedentlich Pogrome. Deren Ursachen waren aber regionaler Art oder lagen am Zusammenleben in den Städten: „Es ging eigentlich immer darum, dass man einen Sündenbock brauchte. Und das waren dann oft die Juden – einfach, weil sie anders waren, weil sie eine andere Kultur hatten, weil sie angeblich rituell Kinder töten und Brunnen vergiften würden.“ Das Brunnenvergiften wurde allerdings schon zuvor anderen (Rand-)Gruppen wie polnischen Menschen vorgeworfen, in Südfrankreich auch Leprakranken und Muslimen.

„Bei den Judenverfolgungen ging es aber immer auch um Geld.“ Viele Christen – vor allem die Oberschicht, Adlige aus den umliegenden Regionen – konnten durch mordende Horden ihre Schulden bei den Juden loswerden. Also schritt niemand gegen das Morden ein.

Nicht zuletzt wurden Pogrome auch von Flagellanten ausgelöst, deren selbstgeißlerische Bewegung durch die Pest ihren Höhepunkt in Deutschland erreichte. Eine andere Hinwendung zur Religion zeigte sich vor allem im 15. Jahrhundert in „Pestblättern“ mit Bildern von Heiligen als Helfer gegen die Pest, höchst ausdrucksstarke Bilder mit Gebetstexten und später auch medizinischen Ratschlägen: „Eine Mischung zwischen Kunst und Religion.“ Auch die Passionsspiele in Oberammergau entstanden 1634 als Reaktion auf die überstandene Pest.

Wirtschaftsförderung und Innovationen

Es gab aber auch „Seuchen-Gewinner“: die Überlebenden. Denn nun fehlten vor allem in der Landwirtschaft Arbeitskräfte, was die Not vergrößerte. 1349 erließ der englische König das erste Arbeitsgesetz („Ordinance of Labourers“). Menschen konnten zur Arbeit verpflichtet werden, mussten aber denselben Lohn erhalten wie vor der Pest. Handwerker durften keine Wucherpreise mehr fordern. Und die Leibeigenschaft wurde abgeschafft.

Doch auch dies hatte mehrere Ursachen, so Butz: „England hatte schon vor Kontinentaleuropa eine starke Geldwirtschaft, auch im Arbeitsprozess. Der Arbeitskräftemangel nach der Pest war nicht mehr mit Naturalwirtschaft aufzufangen, sondern nur mit Geld. Damit begann das Zeitalter der Lohnwirtschaft im Mittelalter.“ Für die englischen Adeligen wurde die Landwirtschaft schon im 14. Jahrhundert unrentabel, die Bauern übernahmen sie und erhielten Löhne und mehr Rechte. Nach einem Bauernaufstand wurde die Leibeigenschaft durch ein Pachtsystem abgelöst.

Auch auf dem Kontinent änderte sich einiges. Erste Arbeitsgesetze verboten das Wegziehen, erlaubten es aber Regionen mit besonders vielen Pestopfern, Arbeitskräfte anzulocken. In den Städten stiegen die Löhne, die Zünfte öffneten sich für mehr Mitglieder. Der Lebensstandard nahm zu, nachgeborene Bauernsöhne und Mittelose konnten sich auf dem entvölkerten Land Bauernhöfe leisten.

Butz sieht als Folgen der Pest auch eine veränderte Einstellung der Menschen, die nun zu Geld kamen und sich „etwas gönnten“: „Es gab einen Aufschwung und im 15. Jahrhundert ein Klima der Innovationen.“ Denn aufgrund der steigenden Löhne wollten die Arbeitgeber Arbeitsabläufe mechanisiert haben. So kam es zu Erfindungen wie neuen Webstühlen. In diesen Kontext stieß Johannes Gutenberg 1450 mit dem Buchdruck. Die Medienrevolution trug zu Reformation, Verbreitung des Humanismus, verbesserter Bildung etc. bei.

Isolation und Quarantäne

Was man heute kennt, hat man schon damals relativ erfolgreich versucht.

PD Maria Butz über Desinfektion und Quarantäne an der Grenze zwischen Österreich und Osmanischem Reich

Nach dem „Schwarzen Tod“ gab es weitere Pestwellen, die jedoch regional beschränkt werden konnten, „vielleicht, weil man ein bisschen gelernt hatte, wie man damit umgehen musste“, so Butz. Z.B. riegelten sich die Städte ab, verdächtige Schiffe wurde in Häfen unter Quarantäne gestellt, Erkrankte in abgeschiedenen, oft bewachten Pesthäusern konzentriert.

Gegen das bis ins 19. Jahrhundert von Pestwellen heimgesuchte Osmanische Reich bildete Österreich im 18. Jahrhundert eine „Pestfront“, eine militärische Grenze: „Dieser Machtbildungsprozess ergab sich bereits am Ende des 16. Jahrhunderts.“ Die Grenze wurde als Seuchenprävention ausgebaut, mit einem ganz dezidierten Quarantänesystem an den einzelnen Grenzstationen, mit genauen Quarantäne- und Desinfektionsvorschriften. Wer über die Grenze wollte wie z.B. Händler, mussten erst einmal in eine Quarantäne. Und erneut nach dem Treffen mit ihrem Handelspartner. An einem Teil der Stationen wurden die Waren kontaktlos auf die andere Grenzseite gebracht. Sogar Briefe wurden ausgeräuchert und Münzen in Essig gespült. Butz: „Was man heute kennt, hat man schon damals relativ erfolgreich versucht. Letztendlich konnten in diesem Bereich Ausbrüche regional eingegrenzt und ein Vordringen nach Westeuropa verhindert werden.“

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse

Weitere Veränderungen ergaben sich, so Butz, mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften im 18. und 19. Jahrhundert. Deren Erkenntnisse konnten technisch umgesetzt werden. So wurde der Sinn eines guten Abwassersystems dann im 19. Jahrhundert eingesehen, als man seine Vorteile auch in medizinischer Hinsicht erkannte. Die Naturwissenschaften ermöglichten im späten 19. Jahrhundert die Erkenntnis, dass bei den großen Typhus- und Cholera-Epidemien zuvor die Wasserhygiene eine entscheidende Rolle spielte. Trink- und Abwasser wurden nun getrennt und Filtersysteme entwickelt. Bei der Cholera – die Asien und Europa im 19. Jahrhundert mehrfach heimsuchte – in Hamburg 1892 gab es in der Nachbarstadt Altona ein Sand-Filtersystem, das die Menschen durchaus schützte, in Hamburg nicht. Schutzmaßnahmen wurden insofern immer wichtiger, weil die Ansteckungsgefahr durch die schnell wachsenden Städte schnell stieg, während gleichzeitig – abgesehen von dem „grundsätzlichen Interesse, dass die Menschen nicht sterben“ (Butz) – immer mehr Arbeitskräfte benötigt wurden.

Bild: Philipp Andreas Kilian (1714–1759, Kupferstich, gemeinfrei / WikiCommons))
Der Hamburger Pesthof um 1750. In Pesthäusern wurden die Erkrankten isoliert und medizinisch versorgt, um ihre Leiden zu lindern. Sie standen meistens außerhalb oder am Rand einer Stadt. Zum Teil dienten sie aber auch dazu, Personen zu isolieren, in deren Umfeld die Krankheit aufgetreten war.
Gerd Dapprich | 11.09.2020