Gespräche am Tor - Karlsruher Begegnungen zu Wissenschaft, Politik und Kultur

Brigitte und Gerhard Brändle im Vortrag Foto: Werner Daum
Brigitte und Gerhard Brändle im Vortrag

Antifaschistischer Widerstand transnational -

Menschen aus Baden in der französischen Résistance

5. Februar 2020, 18 Uhr
Brigitte und Gerhard Brändle

Flyer zur Veranstaltung (PDF 997 KB)

Zum Deutsch-Französischen Tag 2020: Eine fast vergessene deutsche Fluchtgeschichte in den „Gesprächen am Tor“

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme zu Jahresbeginn 1933 sahen sich etliche Menschen aus Baden und Karlsruhe zur Flucht ins nahe Frankreich gezwungen. Über diese fast vergessene deutsche Flucht- und Vertreibungsgeschichte berichteten Brigitte und Gerhard Brändle anlässlich des Deutsch-Französischen Tages in den „Gesprächen am Tor“. Die Zeithistoriker haben in minuziöser Archivarbeit die persönlichen Hintergründe dieses besonderen Kapitels der deutsch-französischen Beziehungsgeschichte recherchiert und stellten nun ihre noch unveröffentlichten Ergebnisse dem zahlreich erschienenen Publikum vor.

Anhand etlicher biografischer Beispiele und historischen Bildmaterials veranschaulichten die Referenten die verschlungenen Lebenswege und zum Teil interkontinentalen Migrationspfade, auf welche viele badische Antifaschisten, Kommunisten und Juden durch ihre Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung ab 1933 gerieten. Ein besonders beeindruckender Fall ist das Fluchtschicksal von Hermann Obermeier (1903-1959), badischer Kommunist aus Östringen, der sich nach seinem Engagement im Spanischen Bürgerkrieg und der Internierung in den Lagern Les Milles und Gurs als „René Suhr“ der französischen Résistance anschloss, dann über Casablanca, Oran und die USA nach Großbritannien gelangte, um von dort aus an der Landung der Alliierten in der Normandie teilzunehmen, an der Befreiung Strasbourgs, Kehls, Karlsruhes und Stuttgarts mitzuwirken und schließlich in der bayerischen Rückzugsresidenz Hitlers, auf dem Berghof in Obersalzberg, die französische Fahne zu hissen. Oder Edith Odenwald (1921-1977), deren Eltern sich 1936 zur Flucht aus Karlsruhe entschieden, worauf sich das 15-jährige Mädchen in Frankreich als Fluchthelferin in einer jüdischen Pfadfindergruppe engagierte; die aus Karlsruhe mit ihren jüdischen Familien geflüchteten Brüder Ferdinand (1921-2017) und Leopold Kahn (1920-1944), deren Engagement in der Résistance Leopold das Leben kostete; sowie die ebenfalls aus einer Karlsruher jüdischen Familie stammenden Brüder Fritz (geb. 1904) und Walter Strauss (geb. 1903), die sich auch dem französischen Widerstand anschlossen. Die von der mit den Nazis kollaborierenden französischen Vichy-Regierung als „feindliche Ausländer“ behandelten badischen Geflüchteten waren somit intensiv in die Widerstands- und Zersetzungsarbeit der Résistance eingebunden, von deren badischen Mitgliedern immerhin ein Fünftel Frauen waren.

In der anschließenden Diskussion äußerte sich das Publikum von der im Vortrag ausgebreiteten biografischen Materialfülle sehr beeindruckt. So ermöglichte das historische Bildmaterial auch einen Blick zurück auf ganz „normale“ Karlsruher Bürger, die sich kurz vor ihrer Flucht noch zum Familienportrait im Karlsruher Schlossgarten versammelten. Auch betonten die Referenten den bedeutenden jüdischen Anteil beim badischen Engagement in der Résistance, der mit 40% das Klischee einer angeblichen jüdischen Opferrolle deutlich widerlegt. „Es gab 1933-1945 nicht nur Täter und Opfer, es gab Nazi-GegnerInnen, und zwar jenseits der bekannten Widerstandskämpfer aus Gesamtdeutschland und aus Karlsruhe“ – mit dieser Feststellung verwiesen Brigitte und Gerhard Brändle in ihrem Schlussplädoyer auf den aktuellen Handlungsbedarf angesichts der beunruhigenden jüngsten innenpolitischen Entwicklungen in der bundesdeutschen Parteiendemokratie.

Brigitte und Gerhard Brändle forschen und veröffentlichen seit 1980 zum Thema Abwehrkampf und Widerstand in und aus Baden gegen die NS-Diktatur, auch zu Lebenswegen von Résistance-KämpferInnen in Baden, zur Beteiligung von Spanienfreiwilligen im Kampf gegen Franco ab 1936 und dann in der Résistance sowie zum Abwehrkampf von „deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens“ gegen die Gefahr von rechts.

Veranstaltungsbericht in den BNN v. 08.02.2020 (PDF 636 KB)

Literaturhinweise zum Thema: