Gespräche am Tor - Karlsruher Begegnungen zu Wissenschaft, Politik und Kultur

Jan Knopf im Vortrag Foto: Werner Daum
Jan Knopf im Vortrag

Die kulturpolitische Sensation aus Karlsruhe

Eine Brecht-Ausgabe über die Mauer hinweg

13. November 2019, 18 Uhr
Prof. Dr. Jan Knopf

Flyer zur Veranstaltung (PDF 981 KB) (PDF 1000 KB)

Zum 30. Jahrestag des Berliner Mauerfalls: Die Erinnerung an ein deutsch-deutsches Editionsprojekt zwischen Karlsruhe und Ostberlin in den „Gesprächen am Tor“

Anlässlich des 30. Jahrestags des Berliner Mauerfalls erinnerte Prof. Dr. Jan Knopf in den „Gesprächen am Tor“ an ein deutsch-deutsches literaturwissenschaftliche Projekt, das er im Zeitraum 1980-2000 über die Mauer und die Wiedervereinigung hinweg maßgeblich vorantrieb: die vom Frankfurter Suhrkamp und Ostberliner Aufbau-Verlag getragene 30-bändige gesamtdeutsche Brecht-Ausgabe. Als ausgewiesener Brecht-Forscher und Leiter der Arbeitsstelle Bertolt Brecht (ABB) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) bot der Referent bisher weitgehend unbekannte Einblicke in diese einzigartige deutsch-deutsche Zusammenarbeit zwischen Karlsruhe und Ostberlin. Dabei korrigierte Knopf, der selbst seine ersten Lebensjahre „im Osten“ erlebte, manche gegenwärtige Rückschau auf die DDR als „Unrechtsstaat“ (eine dem Nationalsozialismus vorzubehaltende Kennzeichnung), ohne deren Staatsführung von eklatanten Übergriffen und einem zweifelhaften Umgang mit der gesamtdeutschen NS-Vergangenheit freizusprechen: Wurden doch die auch in der DDR wieder in Ämter und Stellen gelangten Nazis einfach „wegerklärt“. Auch eine ideologische (keinesfalls aber literarische) Entzauberung des vermeintlichen Altkommunisten Bertolt Brecht, der irrigerweise als „Hofsänger Pakows“ galt, hatte der Vortrag zum Ergebnis.

Einst mit der Familie in den Westen geflohen kam der Referent Jahrzehnte später „über Brecht wieder mit der DDR in Verbindung“. Das von ihm 1980 vorgelegte Brecht-Handbuch machte das Ostberliner Brecht-Zentrum auf ihren westdeutschen Kollegen aufmerksam, der schon damals am Institut für Literaturwissenschaft der Universität Karlsruhe tätig war. Aus einer ersten Begegnung in Karlsruhe entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit: Als „erster Klassenfeind“, erinnert sich Jan Knopf, wurde er zu den Brecht-Tagungen in der DDR eingeladen. Fortan führte er als Grenzgänger, der in der DDR fast diplomatischen Sonderstatus genoss, den bisher geteilten „Ost- und West-Brecht“ editorisch wieder zusammen: Die daraus entstandene Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe der Werke Bertolt Brechts verdankt sich wesentlich der langjährigen Forschungsarbeit und editorischen Sorgfalt der „Arbeitsstelle Bertolt Brecht“ (ABB) an der Universität Karlsruhe, die seit 1989 von Jan Knopf geleitet wird. Dabei stieß die Forschungsarbeit der ABB in der DDR allerdings auch auf einige Hürden, die dem Referenten die Arbeit mit den Originaldokumenten Brechts erschwerten: So fand er diese zum Teil um unliebsame Inhalte gekürzt vor oder konnte sie nur nach einem aufwändigen bürokratischen Antragsverfahren einsehen.

Im sich an den Vortrag anschließenden Austausch mit dem Publikum vertiefte der Referent sein Thema mit bunten Details und kuriosen Anekdoten. In der Gesamtschau entstand somit die beeindruckende Bilanz einer bedeutenden kulturpolitischen Leistung in der Zeitenwende zwischen Kaltem Krieg und Wiedervereinigung, an der Jan Knopf als Vertreter einer der wichtigsten Wissenschaftseinrichtungen der Stadt maßgeblich beteiligt war. Zum diesjährigen 30. Jubiläum der ABB sei dieser international anerkannten Institution der Brecht-Forschung ein fruchtbarer Fortbestand gewünscht, der offenbar derzeit nicht als gesichert erscheint.

Jan Knopf, geb. 1944, Schriftsteller, Theaterautor und Professor für Literaturwissenschaft am KIT (Karlsruhe Institute of Technology), Leiter der dortigen „Arbeitsstelle Bertolt Brecht“ (ABB); als solcher Mitherausgeber der „Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe“ der Werke Brechts in 30 (bzw. 33 Teil-) Bänden, Autor des „Brecht-Handbuchs“ in zwei Bänden (1980/1984) und Herausgeber des „Brecht-Handbuchs“ in fünf Bänden (2000 – 2003); dazu Mitherausgeber der „Sämtlichen Werke“ Johann Peter Hebels in sechs Bänden, Verfasser von über 30 Büchern zu Brecht, Dürrenmatt, Hebel, zum Roman der frühen Neuzeit, zu Kalender und Kalendergeschichte sowie zum Zusammenhang von Literatur- und Naturwissenschaften.

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