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Der Glaube an Diversität und seine Konsequenzen

[05.06.2020]

Menschen begrüßen Vielfalt – oft, weil sie ihr einen gesellschaftlichen Nutzen unterstellen. Die Folgen hat Prof. Mathias Kauff in einem Projekt an der FernUniversität untersucht.


Portrait Foto: Hardy Welsch
Prof. Mathias Kauff ist Hauptautor der neuen Studie.

„Wir sollten die Vielfalt in unserem Land schätzen, denn sie kann uns einen Nutzen bringen.“ So oder ähnlich könnte ein öffentliches Statement einer Verfechterin oder eines Verfechters von kultureller Diversität lauten. Immer häufiger wird Multikulturalität von modernen Gesellschaften wertgeschätzt – in der Erwartung, dass sie Vorteile aus ihr ziehen können. Ein Argument: Diverse Gesellschaften sind flexibler und können besser mit Problemen umgehen. „Diese Sichtweise mag zwar in den meisten Fällen richtig und gut gemeint sein, sie birgt aber auch ein mögliches Problem“, erklärt Psychologe Prof. Dr. Mathias Kauff. „Diversität wird nicht aus sich heraus wertgeschätzt, sondern weil sie einen Gewinn bringen soll. Die Wertschätzung ist also abhängig von einer unterstellten Nützlichkeit.“

Prof. Kauff hat vor seinem Ruf an die Medical School Hamburg im Lehrgebiet Psychologische Methodenlehre der FernUniversität in Hagen gearbeitet. Gemeinsam mit dessen Leiter Prof. Dr. Oliver Christ und Prof. Dr. Katharina Schmid (ESADE Business School, Barcelona) hat er eine Reihe von Studien durchgeführt. Sie befassen sich mit der Nutzenabhängigkeit der Wertschätzung von Vielfalt.

Keine bedingungslose Wertschätzung

Auf theoretischer Ebene wurde das Thema schon öfter diskutiert. Die neuen Studien liefern jetzt empirische Daten. Entscheidend für die Wahrnehmung von Vielfalt ist demnach, ob sich die bestehenden Erwartungen an sie wirklich erfüllen: „Die Untersuchung hat gezeigt, dass die nützlichkeitsabhängige Wertschätzung von Diversität nicht zwangsläufig positive Effekte in Bezug auf die Einstellung gegenüber fremden Gruppen haben muss“, so Mathias Kauff. „Zwar führt sie zu verbesserten Einstellungen gegenüber kulturellen Fremdgruppen, wenn die Diversität sich tatsächlich als nützlich herausstellt – nicht aber, wenn Interaktionen in kulturell diversen Gruppen keinen Nutzen mit sich bringen.“

DFG geförderte Forschung

Kauff führte die Experimente über einen Zeitraum von vier Jahren an der FernUniversität durch. Den Rahmen hierfür bildete das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt: „Die Dunkle Seite nutzenbezogener Wertschätzung von Diversität – Outgroup-Abwertung durch Personen mit Pro-Diversity Beliefs als Reaktion auf nicht-nützlichen Intergruppenkontakt“ Aus dem Projekt ging noch eine zweite Publikation hervor (zur Online-Fassung); eine zusätzliche Arbeit befindet sich derzeit im Begutachtungsprozess einer Fachzeitschrift.

Die Ergebnisse der Studie wurden in der Zeitschrift PLOS ONE veröffentlicht.

Kauff, M., Schmid, K., & Christ, O. (2020). When good for business is not good enough: Effects of pro-diversity beliefs and instrumentality of diversity on intergroup attitudes. PLoS ONE 15(6): e0234179. doi:10.1371/journal.pone.0234179

Benedikt Reuse | 08.06.2020