13. Studienwoche Literatur- und Medienwissenschaft 2018

Illustration

Dr. Christian Lück

Seminar: Wie von einem anderen Planeten: Jean-Jacques Rousseau


Termine: Dienstag, 5. Juni, bis Freitag, 8. Juni, jeweils 9:15 – 10:45 Uhr

Raum: Gebäude 3, Universitätsstr. 11, Raum D 005/ D 006

Anmeldung: Bitte keine gesonderte Anmeldung! Teilen Sie bei Ihrer Anmeldung zur Studienwoche aber mit, ob Sie an dieser Veranstaltung teilnehmen wollen.

Erläuterungen:

„Für mich ist auf Erden alles zu Ende. […] Ich habe in dieser Welt weder Nächsten, noch meinesgleichen, noch Brüder mehr. Ich bin wie aus der Welt, die ich bewohnte, auf einen fremden Planeten versetzt“, schreibt Jean-Jacques Rousseau in den Träumereien eines einsamen Spaziergängers, die in den letzten Monaten vor seinem Tod entstanden sind. Hier beschreibt jemand, der einst „in Mode“ war, aber auch schon in dieser Zeit eine Distanz und ein feines Unbehagen gegenüber engen Weggefährten gefühlt hat, seine Position als Außenseiter. Hat er sich in seinen früheren autobiographischen Schriften als absolut wahrhaftigen und einzigartigen, aber zugleich paradigmatischen Menschen dargestellt, so kann er auch als paradigmatischer Außenseiter gelten: Das extraterrestrische Außenseitertum bedeutet ihm letztlich – oder einmal mehr – die Möglichkeit, isoliert von „den Menschen“ sich selbst zu in den Blick zu nehmen: „Aber losgelöst von ihnen und von allem, was bin ich selbst? Das bleibt mir noch zu untersuchen.“ Hier geht er vor wie „die Physiker, wenn sie täglich den Zustand der Luft untersuchen“, indem er ein Barometer an seine Seele hält.

Aber nicht nur das, was Rousseau nach eigner Überzeugung zum paradimatischen Außenseiter macht, soll in dem Seminar in den Blick genommen werden, sondern auch die vielen strukturalen Elemente, die bei späteren Außenseitern wiedergekehrt sind: der Gedanke einer Verschwörung, die in ihrem ganzen Umfang entdeckt wird; das Sich-Feien gegen Anfeindungen und Verletzungen zu einem Ich, das sich für so „unerschütterlich wie Gott selbst“ hält; der Rückblick auf eine Periode „vollkommenen Glücks“; die Momente, in denen sich all das selbst dementiert. Besonders wird die Frage nach der Stellung des autobiographisch schreibenden Subjekts zu stellen sein. Rousseaus Selbstauskunft zufolge schreibt er die Träumereien, anders als die Bekenntnisse nicht mehr aus dem Bedürfnis heraus, von seinen Mitmenschen oder sogar „einer anderen Generation“ „besser gekannt zu werden“ als von jenen, die ihn so verkennen und anfeinden. „[I]ch schreibe meine Träumereien nur für mich“, schreibt er. Tatsächlich ist das Manuskript, das er nicht mehr beenden konnte, erst posthum veröffentlicht worden. Man kann womöglich für sich selbst schreiben. – Aber kann man für sich allein schreiben? Nicht zuletzt wird auch nach dem Stellenwert des Spaziergangs zu fragen sein.

Zu lesen:

Jean-Jacques Rousseau: Träumereien eines einsamen Spaziergängers. In: Schriften, hg. von Henning Ritter, Frankfurt/M. u.a.: Ullstein, 1981, Bd.2, S.637-760. [Oder jede andere Ausgabe]

ders.: Bekenntnisse, aus dem Franz. von Ernst Hardt, Frankfurt/M.: Insel, 1985. Daraus: Erstes Buch; siebentes Buch (nur die ersten 8 Absätze, ca. 3.5 Seiten), achtes Buch (nur bis zum Erfolg der Schrift „Der Dorfwahrsager“, nach ca. 25 Seiten).

optional zur Vorbereitung: Jean Starobinski: Rousseau. Eine Welt von Widerständen, aus dem Franz. von Ulrich Raulff, Frankfurt/M.: Fischer, 2003.

Anfragen zu dieser Veranstaltung richten Sie bitte an:
christian.lueck@fernuni-hagen.de