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Antrittsvorlesung Prof. Schmieder

In den Spiegel der Apokalypse blicken

Gebanntes Publikum in der Antrittsvorlesung von Prof. Felicitas Schmieder

„Der Spiegel der Apokalypse ist nah – und wir Europäer haben verlernt, in ihn hineinzusehen“, beunruhigte Univ.-Prof. Dr. Felicitas Schmieder ihre Zuhörer in ihrer Antrittsvorlesung und belegte damit die Relevanz ihres Fachs. Die Mittelalter-Historikerin, die im Dezember die Professur Geschichte und Gegenwart Alteuropas übernommen hat, sprach zum Thema „Apokalypse und Politik. Der 'ferne Spiegel’ alteuropäischer Zeitdeutung“.

Sie eröffnete ihrem Publikum einen fesselnden Blick auf die Forschung über Prophezeiungen, die das Ende der Welt voraussagen. Ihrer These zufolge sind solche Prophezeiungen bis heute wirksam, und zwar, weil Menschen nach wie vor nach ihnen handeln – christliche Fundamentalisten in den USA vielleicht ebenso wie muslimische Kämpfer in Afghanistan. Eine mittelalterliche Prophezeiung besage beispielsweise, dass die Juden Jerusalem zurückerobern müssten, bevor die letzte christliche Schlacht geführt werde, die Reiche zerschlagen würden und daraufhin Christus wiederkehre, erklärte Schmieder – Auswirkungen auf die heutige Israel-Politik sind nicht ausgeschlossen.

Im Mittelalter glaubten die Menschen an einen vorherbestimmten Ablauf der Geschichte, den Gott gemäß der Apokalypse beenden würde. Danach würde Christus auf die Erde zurückkehren. Prophezeiungen über dieses Ende der Welt waren verbreitet und wurden mitunter bewusst gefälscht – um sie politisch zu benutzen. Dass es solche Prophezeiungen tatsächlich geben konnte, mussten dafür selbst die Fälscher felsenfest glauben.

Ein Beispiel, mit dem Schmieder dies belegte: Im Juni des Jahres 1243 besprachen die Kardinäle die düsteren Zukunftsaussichten des lateinischen Reiches. Nur mit Mühe war es ihnen gelungen, einen neuen Papst zu wählen. Dessen politische Reaktionen konnten sie noch nicht abschätzen. Doch die Mongolen bedrohten das Reich, Byzanz war stark. In weiser Voraussicht verfassten sie folglich eine Prophetie, die sie auf eine Seherin der Antike zurückdatierten. In heute verwirrenden Worten, Codierungen und Metaphern – die Rede ist unter anderem von einem Widder (Alexander der Große), einem Adler (Friedrich der Zweite) und einem Hahn (der Papst) – „sagten sie voraus“, dass die Römer die Griechen verdrängen würden. Und gaben damit dem neuen Papst – der die „antike Prophezeiung“ genau verstand und an sie glaubte – vor, wie er zu handeln hatte.

Immer also war Prophetie politisch. Weil sie aktuelle Fragen beantworten sollte, vermittelt sie darüber hinaus die Weltsicht ihrer Zeit. Natürlich mussten Prophetien keine konkreten Angaben zu Personen oder Zeitpunkten machen; sie wurden deshalb jedoch nicht minder ernst genommen: Ein Stadttor in Byzanz wurde zugemauert, nachdem eine Prophezeiung besagte, das die Stadt just durch dieses Tor eingenommen werden würde.


Prof. Dr. Felicitas Schmieder mit dem Dekan des Fachbereichs KSW, Prof. Dr. Arthur Benz (links) und dem Rektor der FernUniversität, Prof. Dr.-Ing. Helmut Hoyer

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